Opuntien

  1.      wirtschaftliche Bedeutung der Opuntien
  2.      was ist ein Kaktus?
  3.      Biologie der Opuntien
  4.      Standort und Klima
  5.      Ursprung und landwirtschaftliche Nutzung
  6.      Früchte
  7.      Blüten
  8.      Blattsprosse (Nopalitos)
  9.      Inhaltsstoffe
10.     Opuntien als Unkraut
11.     Ernährungsgrundlage für die Dritte Welt
11.1.  Früchte und Blüten

11.2.  Blattsprosse
11.3.  Viehfutter
12.     medizinische Bedeutung
12.1.  Diabetes
12.2.  Blasenschwäche und Prostata-Beschwerden
12.3.  Handelspräparate zur Nahrungsergänzung
13.  
   Farbstoffproduktion
14.     weiterführende Literatur
14.1.  Fachbücher
14.2.  wissenschaftliche Publikationen 
14.3.  weiterführende Links
15.     Autor


8. Blattsprosse (Nopalitos)

Die Verwendung junger Opuntiensprosse als Gemüse ist nicht so populär wie die Obstnutzung der Früchte und wird in Mexiko hauptsächlich im Gebiet von Milpa Alta praktiziert. Dort hat sich ein intensiver Anbau entwickelt, der für die Versorgung der ländlichen Bevölkerung durchaus von Bedeutung ist (Hoffmann 1983, Barrientos 1984). Immer häufiger gibt es mexikoweit und in dem angrenzenden, spanischsprechenden USA Blattspross-Konserven auch in den Lebensmittelgeschäften.

Mexiko: Milpa Alta: bei der Blatternte werden die jungen Sprosse mit Handschuhen und Messer abgeschnitten und in Körben gesammelt

Besonders innovativ sind die Kleinbauern im südlich von Mexiko-Stadt gelegenen Milpa Alta. Der Name der Ortschaft (= hohes Maisfeld), weist darauf hin, dass hier ein besonders guter Mais wächst. Als aber im Zuge der "Grünen Revolution" die teuren Hybridsorten von Mais die alten Landsorten der Campesinos verdrängten, besannen sich diese auf den steigenden Bedarf an Gemüse-Opuntien. Die Aufnahme neuer Produktionstechniken brachte einen beachtlichen Innovationsschub. Die bepflanzten Flächen bei den Pyramiden von Teotihuacan unterscheiden sich weder in ihrer Anlage noch in ihrer Bewirtschaftung von anderen Obstanbaugebieten. Winterlicher Rückschnitt, Ernte und Vermarktung sind identisch. Geringer Wasseranspruch der Pflanzen und das fast völlige Fehlen von Maßnahmen des Pflanzenschutzes bilden allerdings einen deutlichen Unterschied zu anderen Obstarten.

Die dornenlosen Kultursippen werden durch Stecklinge vermehrt. Die Düngung der Pflanzungen findet ausschließlich mit dem reichlich anfallendem Stallmist aus der Massentierhaltung statt, die die Bevölkerung der Hauptstadt mit Milch versorgt. Über sehr hohe Gaben von Stallmist (200 t/ha) werden die Pflanzen mit hohen Nährstoffmengen versorgt. Gleichzeitig wird der Humusgehalt des Bodens erhöht und die Mist-Mulch-Schicht vermindert die Evaporation. Etwa 5 bis 8 Monate nach der Pflanzung findet die erste Ernte statt. 

  Um junge, noch zarte Sprosse zu erhalten, werden diese bis zu einer Länge von maximal 15 cm in der warmen Jahreszeit fast täglich geerntet. Die Sprosse haben dann ein Gewicht von durchschnittlich 100g. Nopalitos werden mit dem Messer direkt an der Austriebstelle von der Pflanze abgetrennt. Dieses über die gesamte Vegetationszeit von 12 Monaten ständige Entfernen der Neutriebe führt zu einem kontinuierlichen Austrieb der schlafenden Augen. Nach dem Abtrennen werden die Nopalitos an den Sammelstellen zum Abtransport zu 2000 bis 3000 Stück zylindrisch aufgestapelt.

Pflanzabstände und -tiefe bestimmen den Ertrag
(aus El Nopal, Sánchez y Pérez)

Die Erträge sind abhängig vom Alter und Zustand der Pflanzung. Sie liegen im Intensivanbau bei 800 bis 1200 dt/ha und können durch den Einsatz von Folientunneln bis zu 4000 dt/ha und Jahr erreichen. Etwa 9 Jahre lang werden die Dauerkulturen genutzt, ohne dass Bodenmüdigkeit auftritt. Es ist möglich, 7 bis 8jährige Pflanzungen durch einen Rückschnitt noch einmal 4 bis 5 Jahre lang zu nutzen. Nach einer gründlichen Bodenbearbeitung können  auf der gleichen Fläche sogar erneut Opuntien angebaut werden ohne dass es Einbussen im Ertrag gibt..















Mexiko, Milpa Alta: "Bultos" genannte, frisch geschnittene und mit Hilfe von Metallringen gestapelte Nopalitos stehen zum Abtransport per LKW bereit 

Würden Nopalitos wie anderes Gemüse in Holzkisten transportiert, so wäre die Ladefläche der Lastwagen auf der Rückfahrt mit leeren Kisten besetzt. Ein gleichzeitiger Transport von Stallmist auf der Rückfahrt vom Markt wäre unmöglich. So entstand ein völlig neues Verpackungssystem, das nur von den Nopalitos in Milpa Alta bekannt ist. Mit Hilfe eines Metallringes werden am Feldrand die Nopalitos aufgeschichtet und die Stapel anschließend mit  Laken umhüllt und zu den Märkten transportiert.

Der Verkauf der Nopalitos erfolgt auf den großen Märkten der Hauptstadt. Immer mehr an Bedeutung gewinnt auch die Verarbeitung der Nopalitos zu Nasskonserven (nopalitos en escabeche oder al natural) in nahegelegenen Fabriken. Das Dosengemüse ist in ganz Mexiko, Kalifornien und Florida im Handel.

Erntegut aus Opuntia-Wildbeständen oder aus dem häuslichen Garten wird als Volksnahrung direkt verwertet, gebraten, gekocht oder geschmort. Tendenziell nimmt diese Form der Nutzung in den letzten Jahrzehnten aber leider ab. Dies ist deshalb besonders bedauerlich, weil diese Form des Anbaus und der Nutzung standortgerecht ist und vom Ökosystem gut vertragen wird.

Der experimentelle Anbau von Opuntien im Rheingau zur Produktion von Nopalitos  unter Folie ist aus klimatischer Sicht durchaus möglich und bereitet keine größeren Schwierigkeiten. Ob Nopalitos auf dem mitteleuropäischen Markt abzusetzen sind und der Anbau lohnend wäre, müssten weitere Versuche und eine gezielte Werbung zeigen. Die Produktionskosten mit der arbeitsintensiven Ernte und der erforderliche Energieeinsatz zur notwendigen Überwinterung der Pflanzen wären zu klären. Die vom Gesetzgeber vor wenigen Jahren verabschiedete Novel Food Verordnung ist ein neuer Hinderungsgrund für die Vermarktung in Deutschland. Danach dürfen neuartige Lebensmittel, die vor Ende der neunziger Jahre in der EU nicht in nennenswertem Umfang bekannt waren, in der EU nicht vertrieben werden. Angesichts der zahlreichen positiven Beispiele für eine Angebotserweiterung heimischer Nahrung durch exotische Pflanzen in den letzten Jahrzehnten, eine neue, sehr unsinnige bürokratische Regelung in Europa. Wer kannte vor Jahren Zucchinis, Auberginen, Avocados oder Kiwis und konnte deren Siegeszug in den Lebensmittelmärkten vorhersehen? Was ursprünglich nur für genetisch veränderte oder durch Mikroorganismen veränderte Lebensmittel geplant war, erschwert jegliche Innovation in Europa und trifft die europäischen Absatzmärkte der Drittewelt-Länder.